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Geburtsort – eine Frage des Vertrauens

Autorenbild: Theresa Kaufmann
Theresa Kaufmann
30. Juni
7 Min. Lesezeit

Wo möchtest du dein Baby zur Welt bringen?

Für viele werdende Eltern ist diese Frage zunächst eine organisatorische Entscheidung. Krankenhaus, Geburtshaus oder Hausgeburt? Welche Klinik hat den besten Ruf? Wo gibt es die größte Sicherheit? Welcher Ort ist für uns gut erreichbar?

Doch je mehr ich mich mit physiologischen Geburten beschäftige, je mehr Einblicke ich gewinnen darf, was Frauen und Familien rund um die Geburt wirklich beschäftigt, desto mehr wird mir bewusst:

Die Wahl des Geburtsortes ist weit mehr als eine praktische Entscheidung. Sie ist eine Frage des Vertrauens!

Denn Geburt ist kein Ereignis, das wir planen, kontrollieren oder “richtig machen” können. Geburt geschieht. Und damit sie geschehen kann, braucht es einen Ort, an dem wir uns sicher genug fühlen, loszulassen.


Darin haben mich auch meine eigenen Erfahrungen bestärkt.

Bereits in meiner ersten Schwangerschaft hatte ich erstaunlich klare Vorstellungen davon, was mir für meine Geburt wichtig ist, was ich brauche und was sich für mich nicht richtig anfühlt. Woher ich das wusste? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Ich hatte keine eigenen Geburtserfahrungen und damals auch noch längst nicht das Wissen, das ich heute über Schwangerschaft und Geburt habe. Und trotzdem war da etwas in mir, das sehr klar war. Eine innere Stimme, die mir sagte, was ich brauche, um mich sicher zu fühlen.

Das bedeutet nicht, dass ich frei von Ängsten, Sorgen oder Zweifeln gewesen wäre. Ganz und gar nicht. Natürlich gab es Momente, in denen ich unsicher war, Fragen hatte oder Respekt vor dem hatte, was vor mir lag.

Und dennoch wusste ich tief in mir, dass ich mich persönlich in einem außerklinischen Umfeld wohler fühlen würde. Dass ich dort die besten Voraussetzungen hätte, dieser großen und unbekannten Herausforderung mit Vertrauen und Zuversicht zu begegnen.

Rückblickend bin ich unendlich dankbar, dass ich diesen Impulsen gefolgt bin.

Und genau deshalb möchte ich auch dich ermutigen, auf deine eigene Intuition zu hören.

Denn diese innere Weisheit steckt in jeder Frau. Oft fehlt nur die Erlaubnis, ihr zu vertrauen. Die eigenen Bedürfnisse klar wahrzunehmen, ihnen Raum zu geben und für sie einzustehen – auch dann, wenn sie sich von dem unterscheiden, was andere erwarten oder welchen Weg die Mehrheit wählt.

Denn am Ende muss nicht ich, nicht deine Hebamme und auch nicht dein Umfeld an diesem Ort gebären.

Du bist diejenige, die sich dort sicher genug fühlen darf, um loszulassen.


Geburt braucht Loslassen

In unserer Gesellschaft sind wir gewohnt, Herausforderungen mit Anstrengung zu begegnen. Wenn etwas schwierig wird, strengen wir uns mehr an. Wir kontrollieren, organisieren, planen und optimieren. Aber Geburt funktioniert anders.

Je weiter die Geburt voranschreitet, desto weniger hilft Kontrolle. Stattdessen geht es darum, sich hinzugeben, dem Prozess zu vertrauen, den Körper arbeiten zu lassen.

Viele Frauen beschreiben im Nachhinein, dass der Wendepunkt ihrer Geburt nicht der Moment war, in dem sie stärker gekämpft haben, sondern der Moment, in dem sie aufgehört haben die Kontrolle behalten zu wollen. Der Moment, in dem sie losgelassen haben.

Loslassen bedeutet dabei nicht aufgeben. Es bedeutet ins Vertrauen zu gehen.

Vertrauen in den eigenen Körper. Vertrauen in das Baby. Vertrauen in den Geburtsprozess.

Und genau deshalb spielt der Geburtsort eine so wichtige Rolle. Denn Loslassen gelingt nur dort, wo wir uns sicher fühlen.


Was Sicherheit wirklich bedeutet

Wenn wir über Geburtsorte sprechen, sprechen wir oft über medizinische Sicherheit.

Doch Sicherheit hat viele Gesichter. Sie kann für jeden von uns etwas anderes bedeuten.

Für manche Frauen bedeutet Sicherheit:

“Ich möchte alle medizinischen Möglichkeiten direkt vor Ort haben.”

Für andere bedeutet Sicherheit:

“Ich möchte in einer ruhigen, vertrauten Umgebung sein und möglichst wenig gestört werden.”

Beides ist vollkommen nachvollziehbar.

Sicherheit ist nicht nur eine Frage der Ausstattung. Sicherheit ist ein Gefühl.

Unser Nervensystem entscheidet ständig, ob wir uns sicher oder bedroht fühlen. Wenn wir uns beobachtet fühlen, gestresst oder angespannt sind, schüttet unser Körper Stresshormone aus. Diese sind sinnvoll, wenn wir kämpfen oder fliehen müssen.

Für die Geburt brauchen wir jedoch etwas anderes. Wir brauchen Entspannung, Vertrauen und Oxytocin – jenes Hormon, das Wehen unterstützt und uns hilft, in Verbindung mit unserem Baby zu kommen.

Oxytocin fließt besonders gut, wenn wir uns geborgen, wohl und sicher fühlen.

Doch Entspannung fühlt sich nicht nur schön an – sie hat einen ganz konkreten Einfluss auf den Geburtsverlauf.

Während der Geburt zieht sich die Gebärmutter rhythmisch zusammen, um das Baby Stück für Stück tiefer ins Becken und durch den Geburtskanal zu bewegen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass der restliche Körper möglichst loslassen kann. Der Beckenboden, die Muskulatur rund um den Muttermund und das umliegende Gewebe dürfen weich werden und sich öffnen, um dem Baby den Weg nach außen freizugeben.

Befindet sich die Gebärende jedoch in Anspannung, reagiert auch der Körper darauf. Die Muskeln werden fest, der Körper schaltet in Alarmbereitschaft und macht eher zu als auf. Die Kontraktionen der Gebärmutter arbeiten dann jedes Mal gegen den körpereigenen Widerstand an. Viele Frauen erleben die Wellen dadurch als intensiver oder schmerzhafter, was wiederum zu noch mehr Anspannung führen kann.

Ein Kreislauf aus Angst, Anspannung und Schmerz entsteht.

Umso deutlicher wird, wie wichtig die Umgebung einer Geburt ist. Ein Geburtsort sollte die Frau bestmöglich dabei unterstützen, sich sicher zu fühlen, loszulassen und immer wieder in die Entspannung zurückzufinden. Denn genau dort kann sich der Körper öffnen.

Deshalb sollte die entscheidende Frage nicht lauten: “Welcher Geburtsort ist der beste?”

Sondern: “Wo fühle ich mich am sichersten? An welchem Ort kann ich mich am besten entspannen und meinem Körper vertrauen?”


Die überraschende Parallele zwischen Geburt und Toilettengang

Ein Vergleich, der zunächst ungewohnt klingt, aber unglaublich viel über Geburt verrät, ist der Vergleich mit dem Toilettengang.

Stell dir vor, du müsstest auf die Toilette gehen, während ständig Menschen den Raum betreten, dir Fragen stellen oder du untersucht wirst. Das Licht ist grell. Du hast das Gefühl, beobachtet zu werden.

Wahrscheinlich würde dein Körper nicht loslassen können. Warum? Weil Loslassen Sicherheit braucht. Geburt funktioniert in vielerlei Hinsicht ähnlich.

Sowohl beim Stuhlgang als auch bei der Geburt müssen sich Beckenboden und Schließmuskeln entspannen und öffnen. Unser Körper kann nicht gleichzeitig festhalten und loslassen.

Deshalb brauchen viele Frauen während der Geburt genau das, was wir auch auf der Toilette schätzen: Privatsphäre. Ruhe. Ungestörtheit. Vertrauen. Und die Zeit, diesen Prozess in ihrem eigenen Tempo zu durchlaufen.

Wenn wir diesen Zusammenhang verstehen, wird deutlich, warum die Umgebung einen so großen Einfluss auf den Geburtsverlauf haben kann.


Welche Möglichkeiten gibt es in Deutschland?

Grundsätzlich können Frauen in Deutschland an drei verschiedenen Orten gebären:

Im Krankenhaus

Etwa 98 Prozent aller Kinder kommen in Deutschland im Krankenhaus zur Welt.

Viele Familien schätzen die unmittelbare medizinische Versorgung und die Möglichkeit, bei Bedarf schnell auf verschiedene Maßnahmen zurückgreifen zu können.

Gleichzeitig erleben manche Frauen die klinische Umgebung als weniger persönlich oder haben Sorge, dass ihre Geburt stärker von äußeren Abläufen beeinflusst wird.

Im Geburtshaus

Geburtshäuser bieten eine hebammengeleitete Geburt in einer meist ruhigen und familiären Atmosphäre.

Viele Frauen schätzen die persönliche Betreuung durch eine bekannte Hebamme und die Möglichkeit, möglichst selbstbestimmt und aus eigener Kraft zu gebären.

Bei Komplikationen ist jedoch eine Verlegung in ein Krankenhaus notwendig.

Zuhause

Für manche Familien gibt es keinen Ort, an dem sie sich sicherer fühlen als in den eigenen vier Wänden.

Eine Hausgeburt bietet ein Höchstmaß an Vertrautheit. Du wirst auch hier während der gesamten Geburt ausschließlich von deiner Hebamme begleitet.

Sie kommt für gesunde Schwangerschaften mit geringem Risiko infrage. Sollte es notwendig werden, ist jederzeit eine Verlegung in die Klinik möglich.

Keiner dieser Orte ist grundsätzlich besser als der andere.

Entscheidend ist, welcher Ort zu dir, deiner Geschichte und deinem Sicherheitsbedürfnis passt.


Wie findet ihr heraus, welcher Geburtsort zu euch passt?

Vielleicht hilft es, die Perspektive zu wechseln.

Fragt euch nicht zuerst:

“Wo gebären die meisten Frauen?”

Sondern:

“Wo fühlen wir uns am wohlsten im Hinblick auf die Geburt?”

“Wo können wir vertrauen?”

“Wo können wir loslassen?”

Jede Frau bringt ihre eigenen Erfahrungen, Wünsche und Ängste mit.

Vielleicht hast du bereits eine Geburt erlebt. Vielleicht fühlst du dich von medizinischer Versorgung beruhigt. Vielleicht sehnst du dich nach Ruhe und Intimität.

All das darf in deine Entscheidung einfließen.


Fragen, die ihr euch stellen könnt

  • Was bedeutet Sicherheit für mich persönlich?

  • Wo kann ich mich am besten entspannen?

  • Wovor habe ich Angst?

  • Welche Erfahrungen habe ich bisher mit Krankenhäusern gemacht?

  • Wie wichtig ist mir eine vertraute Betreuung?

  • Wie wichtig ist mir Selbstbestimmung während der Geburt?

  • Welche Atmosphäre wünsche ich mir für die Geburt meines Kindes?

  • Was braucht mein Partner oder meine Partnerin, um Vertrauen in diesen Ort zu entwickeln?

Es gibt keine richtige oder falsche Antwort.

Es gibt nur eure Antwort.


Wie ich euch als Doula unterstützen kann

Als Doula treffe ich diese Entscheidung nicht für euch.

Meine Aufgabe ist es auch nicht, euch von einem bestimmten Geburtsort zu überzeugen.

Ich unterstütze euch dabei, eure eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, Informationen einzuordnen und Vertrauen in eure Entscheidung zu entwickeln.

Manchmal braucht es einfach einen geschützten Raum, um auszusprechen, was tief im Inneren bereits da ist. Denn oft wissen Frauen sehr genau, was sich für sie richtig anfühlt. Sie müssen sich lediglich die Erlaubnis geben, darauf zu hören.

Ein weiterer wichtiger Teil meiner Begleitung ist es, euch dabei zu unterstützen, einen Geburtsort zu finden, der sich für euch als Paar richtig anfühlt. Denn auch wenn die Frau die Geburt erlebt und trägt, entstehen Sicherheit und Vertrauen oft dann, wenn beide Eltern hinter der Entscheidung stehen. Unausgesprochene Ängste oder Zweifel verschwinden nicht einfach, sondern wirken im Hintergrund mit und können das Geburtsgeschehen beeinflussen. Deshalb unterstütze ich euch dabei, auch die Perspektive des Partners oder der Partnerin wahrzunehmen, offene Fragen anzusprechen und gemeinsam einen Ort zu wählen, mit dem ihr euch beide wohlfühlt.


Der richtige Geburtsort für dich

Am Ende geht es bei der Wahl des Geburtsortes nicht um Gebäude, Ausstattung oder Statistiken. Es geht um etwas viel Tieferes - um die Frage, wo du dich sicher genug fühlst, um loszulassen. Wo dein Körper seine Arbeit tun darf. Wo du im Vertrauen sein kannst.

Der richtige Geburtsort ist nicht automatisch das Krankenhaus, das Geburtshaus oder das eigene Zuhause.

Der richtige Geburtsort ist der Ort, an dem du dich sicher, respektiert und getragen fühlst. Und wenn du dir bei dieser Entscheidung Begleitung wünschst, melde dich jederzeit gern bei mir – du musst diesen Weg nicht allein gehen.


 
 
 

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