Junge oder Mädchen? Wissen, was es wird – oder überraschen lassen?
- Theresa Kaufmann

- 29. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Gedanken über eine scheinbar einfache Frage und das, was sie in uns bewegt…

Eine Frage, die uns überall begegnet
„Wisst ihr schon, was es wird?“
Kaum eine Frage fällt so früh, so häufig und so selbstverständlich in einer Schwangerschaft. Sie begegnet uns in der Familie, unter Freunden und manchmal sogar von völlig Fremden. Sie kommt oft sogar schneller über die Lippen unseres Gegenübers als ein ehrliches und offenes: „Wie geht es dir?“
Und oft schwingt dabei eine gewisse Erwartung mit – so als wäre es nur eine Frage der Zeit und ohne Zweifel eine absolute Notwendigkeit, irgendwann während der Schwangerschaft das Geschlecht des neuen Lebens zu erfahren.
Doch was steckt eigentlich hinter diesem Wunsch zu wissen, ob ein Baby ein Mädchen oder ein Junge ist?
Der Wunsch nach Orientierung in einer besonderen Zeit
Vielleicht ist es der Versuch, in einer Zeit voller Veränderung und Ungewissheit etwas Greifbares zu finden - ein kleines bisschen mehr Sicherheit. Schwangerschaft bedeutet Loslassen, Vertrauen, Warten. Die Natur hat es so eingerichtet, dass über Wochen fast nichts von diesem fundamentalen Prozess der Entstehung neuen Lebens im Körper einer Frau nach außen hin sichtbar ist. Wir können nicht einfach in den Bauch schauen, um zu erfahren, was genau dort vor sich geht.
Heute bedienen wir uns zwar - mehr denn je zuvor - an moderner Technik, wie Ultraschall oder Bluttests, um mehr Einblicke in den Verlauf einer Schwangerschaft zu erlangen, und doch sind auch heute längst nicht alle Geheimnisse rund um Schwangerschaft und Geburt entschlüsselt. Vieles läuft im Verborgenen unseres Körpers ab und entzieht sich unserer Kontrolle.
Das Wissen um das Geschlecht kann sich anfühlen wie ein kleiner Anker – etwas, das eine Richtung gibt, wo noch so vieles offen ist.
Ein erster Schritt, sich das eigene Kind besser vorzustellen, ihm ein kleines Stück näher zu kommen.
Junge oder Mädchen - Die leisen Bilder in unserem Inneren
In uns beginnt genau hier oft etwas sehr Altes, sehr Tiefverwurzeltes zu wirken.
Denn mit der Information über das Geschlecht kommen nicht nur Bilder – sondern auch Vorstellungen. Ganz leise vielleicht, ganz unbewusst. Ein Mädchen… ein Junge… Und plötzlich tauchen innere Assoziationen auf. Farben. Eigenschaften. Erwartungen. Geschichten.
Wir sind geprägt von dem, was wir selbst erlebt, gesehen und gelernt haben. Von Rollenbildern, die uns seit unserer Kindheit begleiten. Auch wenn wir sie heute oft bewusst hinterfragen – sie sind trotzdem noch da, im Hintergrund unseres Denkens.
Und so stellt sich eine zarte, aber wichtige Frage:
Beginnt hier vielleicht schon ein Einordnen? Ein Schubladendenken, lange bevor wir unser Kind überhaupt kennengelernt haben?
Zwischen Nähe und Offenheit
Für manche Eltern schafft das Wissen um das Geschlecht etwas Verbindendes. Sie finden durch diese Information einen leichteren Zugang zu ihrem Baby. Es ermöglicht konkreter zu träumen, sich einzufühlen, eine Beziehung aufzubauen. Denn schließlich wird dieser kleine Mensch bald eine enorm wichtige Rolle in ihrem Leben spielen wird.
Andere wiederum berichten genau das Gegenteil. Dass das Nicht-Wissen eine besondere Qualität in sich trägt. Eine Offenheit. Eine Weite. Dass sie ihr Kind freier, ohne innere Bilder, ohne Erwartungen willkommen heißen können. Dass sie Erwartungen und Suggestionen, die vielleicht von Außen kommen, ganz einfach entkräften, da es schlicht und einfach weniger Grundlage für Spekulationen, Meinungen und Kommentare gibt.
Zwei Wege. Beide haben volle Berechtigung.
Vielleicht geht es weniger darum, welcher „richtiger“ ist – sondern vielmehr darum, wie bewusst wir ihn wählen.
Ein Blick auf unsere Zeit
Denn auch unsere Zeit verändert sich. Die Vorstellungen von Geschlecht, Identität und Rollen werden vielfältiger, offener, durchlässiger. Immer mehr Menschen beginnen, über das hinauszudenken, was lange als selbstverständlich galt.
Aber dennoch bleibt die Frage nach dem Geschlecht oft bestehen – fast automatisch, fast selbstverständlich, fast floskelhaft.
Was also bringt uns diese Information wirklich?
Ist es Vorbereitung? Orientierung? Verbindung? Oder ist es vielleicht auch einfach Gewohnheit?

Meine ganz Persönlichen Gedanken dazu
Ich persönlich habe mir das Geschlecht unserer Kinder in jeder Schwangerschaft sagen lassen. Zu Beginn ganz selbstverständlich, ohne die Notwendigkeit dieser Information großartig zu hinterfragen.
In der letzten Schwangerschaft habe ich diese Entscheidung dann sehr viel kritischer gesehen und bewusster getroffen. Und doch war die Neugier immer größer und ich habe mich für Wissen, statt für Nicht-Wissen entschieden.
Gerade in der letzten Schwangerschaft hat mich das Thema, aber auch nach dem Lüften des Geheimnisses um das Geschlecht, noch sehr beschäftigt: War es richtig, es mir sagen zu lassen? Was sagt mir das wirklich über das Kind, das wir erwarten? Ist es ok, nicht nur pure Freude zu fühlen, sondern auch Unsicherheit und Zweifel?
Ich muss zugeben, dass mir die Fragen nach dem Geschlecht unseres Kindes aus meinem Umfeld schnell zu viel waren und ich sie zusehends mit einem gewissen Widerstand beantwortet habe. Ich hatte das Gefühl, sobald man „Junge“ oder „Mädchen“ sagt, prasseln Meinungen, Wertungen und Erwartungen auf einen ein, die sicher nie böse gemeint, aber irgendwie einfach unnötig sind… Warum ist das Interesse an dieser einen kleinen Information so groß?
Es hat mich tatsächlich selbst sehr überrascht - und auch ein wenig überfordert, wie sehr diese Frage nach dem Geschlecht mich beschäftigt und in mir arbeitet - und wie sich meine eigene Haltung dazu im Laufe der Zeit offensichtlich verändert hat.
Ich kann nicht behaupten, dass ich für mich persönlich bereits einen völlig klaren Standpunkt herauskristallisieren konnte - nur, dass die Vielfalt an Fragen, die ich mir in Bezug auf dieses Thema stelle, definitiv größer geworden ist.
Fragen, die bleiben dürfen
Wenn auch dich diese Fragen beschäftigen:
Was wird es denn?
Wollen wir uns das Geschlecht sagen lassen oder nicht?
Teilen wir diese Information dann mit unserem Umfeld?
Dann halte gern für einen Moment inne und frage dich selbst:
Was verbinde ich ganz spontan mit einem bestimmten Geschlecht?
Welche Bilder entstehen in mir – und woher kenne ich sie?
Würde sich die Beziehung zu meinem Baby verändern, wenn ich es nicht wüsste?
Was wünsche ich mir wirklich für mein Kind – jenseits von Geschlechterzuschreibungen?
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, ob wir es wissen oder nicht.
Sondern darum, wie achtsam wir mit dem umgehen, was dieses Wissen oder Nicht-Wissen in uns bewegt.
Und wie offen und bereit wir sind, einem kleinen Menschen zu begegnen, der so viel mehr ist als das, was wir vorab über ihn zu wissen glauben.



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